Ahnenbotschaft: "In entmachteten Orakeln könnt ihr nur lesen, was ihr schon wisst"
- Ilka Sventja Küster

- vor 1 Tag
- 6 Min. Lesezeit
Auf einem runden, metallenen Tablett, vielleicht von 40cm Durchmesser, befindet sich eine dünne Schicht sehr flüssiger Schlamm. Es sind auch ein paar gröbere Steinchen enthalten und eine Kugel. Das Tablett wird bedächtige hin und her bewegt, sodass sowohl der Schlamm als auch die Kugel in Bewegung sind. Die kleinen Steine rutschen kaum. Erstmal sehe ich nur von oben auf diesen Teller und sehe wie sich die Oberfläche immer wieder verändert, wie Muster entstehen und vergehen, wie die Kugel Wege und Verbindungen zeichnet, die dann wieder vom Schlamm ausgelöscht werden. Je länger sich dieses Spiel hinzieht, desto trockener wird der Schlamm. Die Steine rutschen nicht mehr, die Kugel zieht keine so tiefen Furchen mehr hinein und als sich auch der Schlamm nicht mehr bewegt, endet auch die Bewegung. Ganz vorsichtig wird das Tablett auf einen Tisch gestellt. Jetzt sehe ich die Frau, die es gehalten hatte. Sie sitzt nun andächtig davor und schaut auf das Ergebnis. Mein Gefühl, dass es sich hier um eine Art Orakel handelt, ist stark. Das ist nicht einfach ein Spiel oder Kunst oder Teil eines handwerklichen Prozesses.
Jetzt nimmt die Frau ein Buch zur Hand mit dickem grobem Papier und taucht einen Federkiel in eine dunkle Flüssigkeit. Sehr achtsam notiert sie etwas in einer Schrift und Sprache, die ich nicht lesen kann. Immer wieder schaut sie lange auf das Tablett, bevor sie eine weitere Notiz macht. Ich habe das Gefühl, sie jetzt nicht stören zu dürfen, sonst versinken ihre Erkenntnisse wieder im Unbewusstsein. Doch dann legt sie die Feder beiseite und schaut zu mir. Ihr Blick ist freundlich. Sie trägt ein helles Leinenkleid und hat dunkle Bänder um die weiten Ärmel geschlungen. Ihr Überkleid ist dunkel und mit einfachen Trägern und einem Gürtel unter der Brust befestigt. Ihr Haar ist lang und braun und sie trägt viele dünne Zöpfe darin. In den Zöpfen sind kleine Perlchen, Ringe und anderer Schmuck eingeflochten. Erst als sie aufsteht und zum Feuer hinübergeht, um eine Kanne Tee für uns aufzugießen, höre ich Glöckchen, die irgendwo an ihrem Kleid befestigt sein müssen, aber ich kann sie nicht sehen.
Als wir jede mit einer Tasse Tee am Tisch sitzen, schiebt sie nochmals das Tablett in die Mitte. „Ich wollte dir zeigen, wie wir die Zukunft lesen.“ leitete sie das Gespräch ein. Und ich nicke neugierig und beuge mich weiter über das Tablett. „Die Kugel ist die Person, für die ich gelesen habe. In dem Fall bin ich das. Die Steinchen sind die Überraschungen, die das Leben so für uns bereithält, sie können gut oder schlecht sein. Der Schlamm ist das Leben selbst und solange er flüssig ist, können wir unser Leben gestalten. Wenn er getrocknet ist, ist das Ergebnis für die orakelte Zeitspanne lesbar.“
„Kannst du mir ein Beispiel geben, wie das dann genau funktioniert? Woher nimmst du den Schlamm zum Beispiel?“ „Ah, ich sehe, ich darf weiter ausholen. Jedes Jahr tritt bei uns der Fluss über die Ufer und bedeckt sie mit Schlamm, den er mit sich führt. Davon sammle ich einen Topf voll, denn er ist ein fruchtbares Geschenk von Mutter Natur. Genauso wie unser Leben. Ich halte ihn das ganze Jahr flüssig, füge also immer wieder etwas Wasser hinzu. Ich weiß aber auch nie so genau, was alles darin ist.“ Sie zeigt auf die Steinchen auf dem Tablett. „Wenn ich eine Kelle Schlamm aus dem Topf nehme, dann kommen unterschiedlich viele Steinchen oder andere Dinge mir. Halb zersetzte Pflanzenfasern, Holzsplitter, Schneckenhäuschen, Knöchelchen. Es zeigt sich erst, wenn der Schlamm sich durch die Bewegung langsam verteilt. Dann offenbart er seine Geheimnisse.“ Jetzt schaue ich umso neugieriger auf die schlammigen Klümpchen auf dem Tablett. Sind das überhaupt Steine? Doch bevor ich fragen kann, setzt sie ihre Erklärung fort.
„Ich habe hier für einen Mondzyklus orakelt. Das Tablett war vor dem Feuer etwas erwärmt, dann gab ich eine Kelle Schlamm darauf und die Kugel dazu. Dann gilt es sanfte, kreisende oder leicht wiegende Bewegungen zu machen, damit sich alles verteilt. Manchmal geht das leicht, manchmal ist es zäh. Manchmal rollt die Kugel von Anfang an Kreisbahn, dann spricht es für einen Monat, in dem alles gut läuft, manchmal hängt sie irgendwo fest oder stößt auf viele Hindernisse, dann wir es ein Monat voller Herausforderungen. So bekommen wir ein Gefühl für die Zeit, die vor uns liegt. Wenn alles trocken ist, dann ist der Zeitraum um, für den wir orakeln. Dann geht es an die Auswertung.“
„Das ist spannend, ihr orakelt nicht nur ein Ereignis oder ein Ergebnis, sondern den ganzen Weg. Ihr könnt herauslesen, wie sich der Monat entwickelt. Ihr seht welche Hindernisse sich von allein auflösen und mit welchen die Kugel kollidiert. Und verstehe ich das richtig, dass die Kugel im Idealfall in einem Kreis läuft?“ fasse ich zusammen, was ich gelernt habe. „Ja, genau so ist es. Und das ist noch nicht alles. Wir schauen welche Formen und Muster wir im Ergebnis sehen und deuten sie. Oft lässt sich erkennen, was sich im Schlamm verbirgt, aber das ist nicht immer der Fall. Wenn alles trocken ist und wir uns notiert haben, was wir wahrgenommen haben, dann nehmen wir die sehr schlammigen Brocken heraus und spülen sie in frischem Wasser ab. Manchmal gibt es dabei weitere Überraschungen, wenn sich ein Hindernis in der Laufbahn der Kugel komplett auflöst und gar keinen Inhalt hat oder darin ein kleines Schneckenhaus oder gar ein Edelstein zum Vorschein kommt. Das kann die komplette Deutung verändern und darum ist es wichtig sie zu schreiben, vor diesem letzten Schritt. Denn so zeigt sich, wo wir uns vielleicht gegen etwas Gutes wehren oder einer Illusion erliegen. Wir können diese Situationen dann besser erkennen, wenn sie uns begegnen.“
„Wow, das ist so vielschichtig. Haben die Gegenstände im Schlamm feste Bedeutungen? Für was steht ein Schneckenhaus?“ „Nein, es gibt keine festen Bedeutungen. Eher geht es darum zu schauen, was einem persönlich dazu in den Sinn kommt. Ein Schneckenhaus kann Rückzug bedeuten, aber auch Schutz oder Langsamkeit. Es darf immer mit allen anderen Hinweisen gelesen werden. Vielleicht taucht die Schnecke dann auch in dem Monat irgendwo unerwartet auf, dann kann sie eine Art Zeitmarkierung sein oder Übergang, falls sich das Verhalten der Kugel nach dem Zusammenstoß mit dem Schneckenhaus deutlich änderte. Es ist ein Orakel, das viele Möglichkeiten für die Intuition offenlässt, so wie das Leben auch.“ Sie lächelt und ich lächle zurück. Das ist eine wirklich schöne Orakelmethode.
„Was ist, wenn die Kugel herunterfällt?“ „Das jagt den Menschen üblicherweise einen großen Schrecken ein. Eine Deutungsmöglichkeit ist natürlich der Tod. Doch es können auch sehr plötzliche und große Veränderungen sein. Manchmal ist es auch einfach eine Warnung, vorsichtiger zu sein und glaub mir, das sind die Leute dann auch. Es lässt sich oft ganz gut deuten, worin die Gefahr besteht.“ Ich nicke. „Das macht Sinn. Ich danke dir sehr, dass du dir die Zeit genommen hast, mir euer Orakel zu erklären.“
„Sehr gerne. Ihr lebt in aufregenden Zeiten und große Veränderungen stehen bevor. Darum dachte ich, ein Orakel hilft euch, euren Weg zu finden. Gerade eines, das ihr nicht schon mit reichlich festen Bedeutungen entmachtet habt.“ Jetzt schaue ich sie mit großen Augen an. „Entmachtet?“ „Oh ja! Wenn man einem Orakel allgemeingültige Bedeutungen zuordnet, dann werdet ihr blind und taub für seine tieferen, individuellen Bedeutungen. Und gerade in Zeiten von großen Veränderungen würdet ihr nur lesen können, was ihr schon wisst. Es ist wie mit euren Worten, die sich ausdifferenziert haben und eindeutiger geworden sind, was zur Folge hat, dass ihr das Unbekannte damit nicht mehr erfassen könnt. Damit verlieren die Orakel einen Großteil ihrer Funktion als Kommunikationsmittel mit den Göttern. Sie können noch voraussagen, was ihr aus der Vergangenheit kennt, aber nichts Neues mehr. Ihr dürft den Zeichen und auch den Worten ihre geheimnisvolle Aura der Mehrdeutigkeit erlauben und es wird euch überraschen, dass euer Bild von der Zukunft dadurch klarer wird.“
Jetzt stehe ich echt mit offenem Mund da. Es ging gar nicht so sehr um das konkrete Orakel, auch wenn es mich wirklich sehr anspricht. Die Botschaft, dass Mehrdeutigkeit zu mehr Klarheit führt, wenn wir uns im Bereich des Unbekannten und Neuen bewegen, die versetzt mich wirklich in Staunen und ich fühle tief in mir so eine starke Resonanz dazu. Jetzt lacht sie über mein Stauen. „Ach komm, das hast du doch gewusst, oder?“ sagt sie in einem spielerischen Tonfall und antwortet sich gleich selbst „Ja, das hast du gewusst. Es war dir vielleicht nur noch nicht so bewusst. Übe das. Es ist eine sehr wichtige Fähigkeit für euch.“ Ich nicke geistesabwesend und fühle, wie sehr sie damit recht hat. Ungenauigkeit ermöglicht mehr Schnittpunkte, mehr Verbindungen, mehr Kreuzungspunkte, bis ein ganz anderes Bild entsteht als zuvor. Ich denke an die 3D-Bilder, bei denen man die Augen auf einen Punkt hinter dem Bild fixieren musste. Erst als das gewohnte verschwamm, zeigte sich die Ebene dahinter in unglaublicher Klarheit.
Jetzt nicke ich bestimmter und bevor meine Gedanken sich weiter auf diesem Pfad verlieren, bedanke ich mich und wir verabschieden uns.
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Im Oktober gibt es das nächste Jahresorakel. Wenn du Lust auf einen Blick in die Zukunft hast, schau gerne hier.



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