So finden Spiritualität und Wissenschaft bei mir zusammen
- Ilka Sventja Küster

- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
Naturspiritualität ist inzwischen ein gängiger Begriff, der nur in unserer Kultur irgendeinen Sinn ergibt. Wenn wir von Naturspiritualität sprechen, dann meinen wir damit, dass wir die Natur nicht nur naturwissenschaftlich betrachten, sondern ihr - als Gesamtheit genauso wie ihren vielen Einzelteilen - auch einen Spirit zugestehen. Das macht nur Sinn, weil wir der Natur, den Pflanzen und Tieren, Steinen, Gewässern und Landschaften und so weiter, genau diesen Spirit einst abgesprochen haben und nur noch in einem einzigen Wesen einen Spirit enthalten sehen: im Menschen. So haben wir uns von der Natur getrennt und uns über sie gestellt. Das ist tatsächlich ein seltsames Phänomen in der Geschichte der Menschheit und nach wie vor sind Menschen, die so denken auf der Erde in der Minderheit! Das brachte der Ethnologe Marshall Sahlins in seinem letzten Buch Neue Wissenschaft des verwunschenen Universums. Eine Anthropologie fast der gesamten Menschheit nochmal so deutlich auf den Punkt.
So viele Ethnologen sind ausgezogen, um zu lernen, wie andere Kulturen die Beziehung zwischen Mensch und Natur gestalten, nur um festzustellen, dass allein schon die Frage anderswo keinen Sinn ergibt. Der wohl bekannteste unter ihnen ist Philippe Descola, der seinen Erkenntnissen nicht weniger als drei umfangreiche Bücher dazu widmete. Schon für unseren Begriff "Natur" gibt es in indigenen Sprachen überhaupt keine passende Übersetzung, weil es für sie nichts gibt, was sie mit diesem Wort benennen müssten. Es ist unser Wort, das wir nur durch unser Weltbild benötigen.
Descola verortet die Trennung von Mensch und Natur in der westlichen Kultur in der Zeit der Aufklärung. Das ist noch nicht so lange her. In der Kunst zeigte sich das Phänomen schon etwas früher. Und wie immer in unserem dualen Denken, braucht ein Konzept, ein Begriff auch einen Partner, der das Gegenteil beschreibt und der Natur wurde die Kultur gegenüber gestellt und die Trennung der beiden Sphären prägt unseren Alltag seitdem. Da ist auf der einen Seite die Natur und auf der anderen Seite die Kultur, mit allem was der Mensch erschaffen hat und was sein (Zusammen-)Leben ausmacht.
Während lange Zeit alles verteufelt wurde, was sich nicht klar zuordnen ließ (was Mary Douglas ein sehr menschliches Verhalten zu sein scheint) und die Trennung mißachtete oder gar gefährdete, versuchen heute ganz verschiedene Gruppen Natur und Kultur wieder zu verbinden. In der Ethnologie ist es ein großes Themengebiet, aber auch alle, die sich zur Naturspiritualität in irgendeiner Form hingezogen fühlen, gehen diesen Weg Natur und Kultur wieder zuvereinen. Selbst viele Naturwissenschaftler kommen in ihren Forschungen irgendwann an den Punkt, wo sie der Natur ihren Spirit nicht mehr absprechen können, weil sie ihn fühlen und erleben!
Wenn wir nun aber der Natur und allem was dazu gehört ihre Spirits wieder zugestehen, dann stehen wir doch automatisch vor einer neuen Herausforderung: wir dürfen wieder lernen diese Spirits irgendwie wahrzunehmen und auch mit ihnen zu kommunizieren! Spätestens wenn wir annehmen müssen, dass unsere Bedürfnisse vielleicht von den Bedürfnissen der Natur abweichen.
Diese Form der Kommunikation kann zu Nicht-Menschen leider nicht so gestaltet werden wie zu Mit-Menschen. Wir dürfen neue Sprachen lernen! Und die Unterscheiden sich nicht nur in Worten und Grammatik, sie unterscheiden sich auch in der Übertragung. Und schon sind wir mittendrin in Themen, die jenseits der wissenschaftlichen Welt liegen, aber dennoch untrennbar mit ihr verwoben sind. Diesem Gedankenstrang folgt auch der Podcast The Telepathy Tapes, den ich echt nur empfehlen kann.
In Kulturen, in denen es keine Natur gibt, sondern nur viele verschiedene Lebewesen, die alle eine Form von Spirit haben, gibt es selbstverständlich auch Formen der alltäglichen Kommunikation zwischen Menschen und Nicht-Menschen. Und für die außergewöhnlicheren Situationen, gibt es Kommunikationsspezialisten - wir nennen sie Schamanen. Sie kommunizieren in Trancen und Träumen mit den Spirits und übersetzen für ihre Mit-Menschen. Sie sind die Dolmetscher zwischen den Lebensformen. In einer Welt in der alles ein Bewusstsein hat, ist das eine absolute Selbstverständlichkeit, um auf friedliche Art und Weise miteinander zu leben.
Wenn wir also die Trennung von Natur und Kultur aufheben wollen, dann müssen wir auch eine andere Trennung aufheben: die zwischen der physischen Welt und der spirituellen Welt. Das eine geht nicht ohne das andere. Und vielleicht ist es genau deshalb nicht so leicht.
Für mich sind die Ahnen wunderbare Übungspartner für diese Sprache jenseits von körperlichen Fähigkeiten, Wissen oder Sinnesorganen. Als Menschen gehören sie noch zu meiner Spezies und es geht um vertraute Inhalte. Ich kann aber im Kontakt mit ihnen, zum Beispiel im Ahnenhotel, ein Stück weit die Zeit überwinden und erhalte immer wieder auch Einblicke in Lebensweisen, die noch vor der Trennung von Natur und Kultur normal waren und wo Kommunikation zwischen Menschen und Nicht-Menschen noch stattfand. Meine Ahnen erinnern mich daran, dass das normale menschliche Fähigkeiten sind und vor allem in den Ahnenbotschaften erhalten ich viele Hinweise darauf, was diesen Fähigkeiten heute im Weg steht oder wie ich sie wieder trainieren kann.
Gleichzeitig sehe ich in der Ethnologie, dass das alles in anderen Kulturen auch heute noch ganz normal Alltagspraxis ist, was bei unseren Vorfahren genauso üblich war. Beides ist für mich also ganz eng verwoben und geht für mich in die gleiche Richtung. Ich hoffe, dass es mir mehr und mehr gelingt für beides zu stehen und mich nicht mit dem jeweils einen oder anderen Aspekt zu verstecken. Ich glaube, es muss sich nicht wie Spagat anfühlen in beiden Welten zuhause zu sein. Im Gegenteil, ich fühle immer mehr, wie sich beides ganz wundervoll ergänzt und sich gegenseitig stärkt.
Wie und wo verbinden sich Spiritualität und Wissenschaft für dich?








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