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Auf den Spuren des Windigo

  • Autorenbild: Ilka Sventja Küster
    Ilka Sventja Küster
  • vor 6 Stunden
  • 24 Min. Lesezeit

Dieser Beitrag ist nicht einfach ein Blogartikel, wie ich sie sonst schreibe, es ist eine Hausarbeit, die ich für mein Ethnologiestudium schreiben durfte. Darum diesmal auch mit Fußnoten und Literaturnachweisen. Tatsächlich hat mich das Thema so sehr berührt, dass ich es so schnell nicht beiseite legen werde, auch wenn das Seminar beendet ist. Es hat tatsächlich viel mit meiner Ahnenmagie zutun und auch mit meiner Aufgabe, unsere Geschichte(n) neu zu schreiben. Darum teile ich diesen Essay auch hier. Schreib mir gerne in den Kommenaren oder per Mail, was du dazu denkst.


Einleitung


Das Seminar "Weltverstummen", zu dem diese Hausarbeit gehört, war mit folgendem Text ausgeschrieben:

„Wenn wir nichts tun, werden wir untergehen. Vorher aber drehen wir durch!“ So resümierte ZEIT-Redakteur Bernd Ulrich einen Podcast zu unserem Tun und Lassen in Sachen Klimawandel und Artensterben. Mehr und mehr Studien zeigen, dass eine beschädigte Umwelt nicht nur physische, sondern auch psychische Störungen zeitigt. Und nicht nur das: Unsere Wahrnehmungsabwehr der Folgen der doppelten Krise von Klimawandel und Artensterben kostet uns zudem so viel psychische Energie, dass es uns erst recht schlecht geht. Rituelle Spezialist*innen aus nicht-westlichen Kontexten werden uns sicher kein Rezept ausstellen können. Möglicherweise aber können wir im Medizin-Pluralismus des Globalen Südens dringend benötigte Transformationsdynamiken herauslesen, welche in konsequent relationalen Ontologien angelegt sind, die die Umwelt nicht von der Person abspalten.


Im Zentrum des Seminars stand unsere psychische Gesundheit im Kontext von Klimakrise und Umweltzerstörung. Wir haben uns von einem Symptom wie Klimaangst bei jungen Menschen mehr und mehr zur Ursache der Krise vorgearbeitet, über den Verlust von Resonanzbeziehungen mit der Natur in unserer Gesellschaft und sind schlussendlich beim Kapitalismus als zentralem Treiber der Umweltzerstörung gelandet. Ich bin ja überzeugt, dass es wenig hilft an Symptomen zu arbeiten und die Ursache außer Acht zu lassen.


Der Kapitalismus prägt unser Weltbild, unsere Vorstellung von Krankheit und Gesundheit und setzt gefühlt auch unserer Handlungsmacht klare Grenzen. Diese gedankliche Limitierung, die das ganze Konstrukt so alternativlos wirken lässt, gilt aber nur, solange wir innerhalb des kapitalistischen Weltbildes denken. Gelingt es uns darüber hinaus zu sehen und sogar eine Perspektive von außen einzunehmen, zeigen sich neue Wege. Schon Einstein sagte „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“. Welche alternativen Perspektiven können wir einnehmen, um die Krise von dort aus zu betrachten, wo sie weniger hoffnungslos wirkt und wir wieder handlungsfähig werden?

 

Viele Krisen – ein Ursprung?


Ich möchte zu Beginn darauf eingehen, dass wir eigentlich nicht eine sondern mindestens zwei Krisen betrachtet haben. Die eine ist der aktuelle Zustand unserer Umwelt, von der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen über das Artensterben bis zum Klimawandel. Die zweite Krise ist die stetige Zunahme psychischer Krankheiten, wie Depression, Burn-Out und Angststörungen, in unserer Gesellschaft und besonders bei jungen Erwachsenen.


Klimaangst bei jungen Menschen


Gerade bei jungen Menschen wurde in Studien der Zusammenhang zwischen diesen psychischen Erkrankungen oder ersten Symptomen in dieser Richtung und der Zerstörung der Umwelt sowie den Folgen des Klimawandels untersucht. Es ist wenig überraschend, dass die Teilnehmenden an den Studien Sorgen und Ängste in Bezug auf die Umweltkrise geäußert haben, dennoch bleibt der Zusammenhang relativ schwammig. Besonders interessant fand ich, dass in einer Studie unter Studenten in Großbritannien, die Ängste rund um den Klimawandel in Relation zu finanziellen Ängsten, Sorgen um die Gesundheit und dem Gefühl von Einsamkeit, deutlich an Gewicht verlieren[1].


Es existieren neben der Klima- oder Umweltangst also noch viele weitere Auslöser, die bei den jungen Erwachsenen zu psychischen Erkrankungen führen. Wir haben es also mit zwei Krisen zu tun, die zwar im Zusammenhang stehen, aber in einem viel komplexeren Bild betrachtet werden müssen.


Und was ist mit den älteren Generationen?


Und was ist mit den älteren Generationen? Steigen hier nicht auch die Zahlen der psychischen Erkrankungen? Ist die Klimakrise hier nicht auch Auslöser für Ängste und Sorgen? Warum liegt der Fokus der Studien so stark auf der jungen Generation?


Interessant ist, dass auch eine Art Generationenkonflikt in den Studien benannt wurde. Die Klimakrise und die „Untätigkeit der Erwachsenen“ führe bei den jungen Menschen zu „psychologischen Belastungen mit Desorientierung“ und lösten ein „Gefühl des Vertrauensbruchs und des Verlassenwerdens“ aus[2]. Das scheint die Situation noch zu verschärfen.


Ursache und Wirkung sind nicht eindeutig


Wir haben also eine Umwelt- und Klimakrise und eine Krise der psychischen Gesundheit und die vorhandenen Studien zeigen zwar Zusammenhänge aber keine eindeutige Kausalität auf. Wenn die zunehmenden psychischen Erkrankungen junger Erwachsener das Symptom sind, für das wir die Ursache ausfindig machen wollen, dann ist die Umweltzerstörung allein nicht die Ursache dafür, sondern trägt nur einen Teil dazu bei.


Gegenstand der Forschungen ist auch immer wieder die Diskrepanz zwischen der Angst vor dem Klimawandel und der fortschreitenden Umweltzerstörung mit den unvermeidlichen Auswirkungen auf das Leben aller Lebewesen auf der Erde auf der einen Seite und den weniger daraus hervorgehenden Handlungen, die deutlich geringer ausfallen, als man erwarten könnte.


Warum tun wir nichts?


Wenn Angst und Sorge vor der Zerstörung der Umwelt so groß sind, warum entsteht keine viel größere, generationenübergreifende und schlagkräftigere Protestbewegung? Warum reagiert kaum jemand unter den „Erwachsenen“, wie Frankopan scheinbar die Gruppe aller über 25 Jahre alten Personen zusammenfasst? Warum greift die Politik nicht zu schärferen Maßnahmen? Teilen die älteren Generationen die Öko-Angst nicht? Den Abgrund sehen wir doch alle.


Wir wollen diesen Abgrund sogar immer genauer sehen und seine volle Tiefe ausleuchten. Hickel schreibt von der Sucht nach Ökofakten[3]. Doch auch diese sind scheinbar nie alarmierend genug, damit wir endlich ins Handeln kommen. Stattdessen türmen sich die Fakten auf und wir blicken inzwischen zurück auf ein halbes Jahrhundert voller „Meilensteine der Inaktivität“[4]. Kein Wunder fühlen sich die jungen Generationen von den älteren im Stich gelassen.


Irgendetwas scheint in er Gleichung zu fehlen. Etwas scheint sich bisher erfolgreich vor unserem Blick zu verbergen und uns immer wieder durch die Finger zu schlüpfen, wenn wir versuchen danach zu greifen. Warum werden wir nicht aktiv? Das scheint mir die zentrale Frage zu sein, auf die wir eine Antwort brauchen, um genau dort anzusetzen. Wir prokrastinieren im Angesicht der Katastrophe kollektiv auf ganz hohem Niveau. Warum?


Die Wurzel des Übels?


Erst am Ende des Seminars, als wir uns auf der Suche nach Lösungen mit Postwachstumsgesellschaften beschäftigten, rückte der Kapitalismus als Verursacher der Umweltzerstörung nochmal ins Rampenlicht und mir kam ein Gedanke, für den ich vielleicht nochmal etwas ausholen muss, um ihn nachvollziehbar zu machen.


In der Betrachtung der Krisen in unserem Seminar lag der Blick schwerpunktmäßig auf zwei Akteuren, der Umwelt und den jungen Generationen, und ihrer Beziehung zueinander. Am Rande erschien die ältere Generation als dritter Akteur und bekam die Rolle des Verursachers, der nicht genug unternimmt, um die Situation zu retten. Doch der zentrale Akteur blieb als eine Art Schatten im Hintergrund: der Kapitalismus.


Fokus auf die Beziehungen


Mit der Lektüre von Hartmut Rosa[5] haben wir einen interessanten und wichtigen Perspektivwechsel auf die Krise vorgenommen. Wir haben zumindest in Bezug auf die Natur unseren Blick stärker auf die Beziehungen zwischen Menschen und Natur gelenkt, statt nur auf die Zerstörung der Natur und ihre Wirkung. Ich glaube, das ist auch in Bezug auf die anderen in der Studie genannten Ursachen für psychische Probleme von Studenten möglich.


Einsamkeit ist das Ergebnis einer verlorenen zwischenmenschlichen Resonanzbeziehung. Geldsorgen können wir auch als eine verlorene Beziehung zu finanzieller Sicherheit betrachten und die gesundheitlichen Probleme könnten als verlorene Resonanzbeziehung mit dem eigenen Körper angesehen werden. Diese Verschiebung des Blickwinkels lässt meinem Empfinden nach besser erkennen, was die Bedürfnisse hinter den Ängsten und Sorgen sind. Es geht um Beziehungen, die der Erfüllung unserer Grundbedürfnisse dienen. Was aber führt dazu, dass wir all diese wichtigen Beziehungen nicht mehr aufrechterhalten können?


Was, wenn wir, um der Lösung näher zu kommen, gar nicht auf die Beziehungen schauen müssen, die wir mehr und mehr verlieren, sondern auf eine Beziehung, die wir alle eingegangen sind? Eine ungesunde, toxische Beziehung. Ich denke dabei an unsere Beziehung zum Verursacher all der Zerstörung, dem Kapitalismus.


Wenn wir den Kapitalismus als Akteur in den Mittelpunkt des Krisenszenarios stellen, dann hat er beide Krisen, die wir betrachtet haben, zur Folge: die Zerstörung der Natur und die Zerstörung unserer physischen und psychischen Gesundheit. Womit nochmal deutlich wird, dass wir eben nicht getrennt von der Natur sind, sondern ein Teil von ihr, und dass wir in gleichem Maße unter der Ausbeutung durch den Kapitalismus leiden. Unter dieser Annahme wären die gesundheitlichen Symptome aber nicht eine Folgeerscheinung der Umweltzerstörung oder der Trennung von der Natur, sondern eine direkte Folge des Kapitalismus im doppelten Sinn. Zum einen, weil wir ebenfalls als Ressource ausgebeutet werden, wie auch Hartmut Rosa erkannt hat, wenn er schreibt, dass er in der „Psychokrise der Spätmoderne“ eine „Erschöpfungskrise im Steigerungsspiel“ sieht[6]. Ich glaube aber, es ist noch mehr als das, weil wir im Gegensatz zur Natur in einer Abhängigkeitsbeziehung zum Kapitalismus stehen. Die Natur kann sehr gut, ja sogar wieder deutlich besser ohne den Kapitalismus leben, aber können wir es?


Können wir ohne Kapitalismus leben?


Diese Frage rückt unsere Beziehung zum Kapitalismus in den Fokus der Krise anstatt unserer Beziehung zur Natur. Und hier finden wir, meiner Vermutung nach, vielleicht tragfähigere Erklärungsmodelle, warum wir trotz der katastrophalen Zukunftsaussichten für unseren Planeten, gefühlt nichts unternehmen – warum wir uns vielleicht sogar in einem so großen emotionalen Konflikt befinden, dass wir gar nichts unternehmen können, egal wie deutlich uns die Katastrophe vor Augen geführt wird. Es ist mehr als Angst, die uns hier lähmt, während sich die Krise zuspitzt.


 

Eine unbequeme Diagnose?


Ich möchte versuchen, die Klima-Krise mal durch die Brille zu betrachten, dass wir als Gesellschaft in einer co-abhängigen Beziehung zum Kapitalismus leben.


Dieser Blick bezieht die tatsächliche Ursache für die Krise mit ein statt sich nur auf die Umwelt- und Klimakrise als Folgen des Kapitalismus zu beziehen. Unsere Handlungsunfähigkeit könnte in einer solchen toxischen Beziehung begründet liegen genauso wie unsere Unfähigkeit tragfähige Lösungen zu entwickeln, denn die emotionalen Verstrickungen in derartigen Beziehungen sind komplex und führen bei Betroffenen zu Verhaltensweisen, die außerhalb einer solchen Beziehung nur schwer nachvollziehbar sind.


Ich bin mir bewusst, dass ich hier ein psychologisches Phänomen zwischenmenschlicher Beziehungen auf eine kollektive Ebene hebe und das ist wahrscheinlich nicht in allen Aspekten sinnvoll. Dennoch bringt es vielleicht neue Ideen oder Ansätze mit der Krise umzugehen. Im Rahmen dieser Essays möchte ich versuchen diesen Gedanken weiter zu ergründen und auf seine Sinnhaftigkeit überprüfen.


Eine co-abhängige Beziehung zu einem nach Wachstum süchtigen Wirtschaftssystem


Der Begriff der Co-Abhängigkeit stammt aus dem Umfeld der Anonymen Alkoholiker der 1970er Jahre, auch wenn die damit bezeichneten Verhaltensweisen der Angehörigen von Alkoholkranken bereits seit den 1930er Jahren bekannt waren. Heute ist der Begriff in Bezug auf das Verhalten von Angehörigen vielfach umstritten, gleichzeitig hat er sich auf die Angehörigen viele weiterer Suchterkrankten sowie psychischer Erkrankter ausgedehnt[7].


Aus dem Jahr 1990 stammt folgende Definition von Rennert:


Co-Abhängigkeit ist ein Problem- und Lebensbewältigungsmuster, das in der Interaktion mit einer suchtkranken Person entwickelt und verstärkt wird. Die Entwicklung co-abhängigen Verhaltens ist gekennzeichnet durch die zunehmende Einschränkung in der Wahrnehmung von Verhaltensalternativen bis hin zum Gefühl existenzieller Bedrohung durch jegliche Veränderung. Sie geht mit den gleichen Begleiterscheinungen einher wie eine Entwicklung zur Drogenabhängigkeit: Verlust von Selbstwert, Unterdrückung von Gefühlen, Verstärkung von Abwehrmechanismen, Kampf um Kontrolle, Verlust der Realität, Beeinträchtigung aller Potentiale der Persönlichkeit[8].


Ich stelle mir tatsächlich die Frage, was wäre, wenn wir in dieser Definition die „suchtkranke Person“ durch ein nach Wachstum süchtiges Wirtschaftssystem ersetzen und die Angehörigen durch unsere Gesellschaft? Können wir uns aus diesem Blickwinkel unser scheinbar unlogisches Verhalten im Angesicht der Krisen erklären?


Die Sucht nach Wachstum stellt seit Jahrzehnten ein Problem für unsere Gesellschaft dar für das wir wieder und wieder kreative Lösungen finden müssen. Wir haben uns in eine Situation gebracht, in der wir „immerwährendes Wachstum brauchen, einfach nur um den gesellschaftlichen Zusammenbruch zu verhindern“[9] und wenn wir es mit üblichen Mitteln nicht schaffen, die nötigen Wachstumsraten zu erreichen, dann greifen wir zu ausbeuterischen Mitteln, die unter normalen Umständen indiskutabel wären. Unterdrücken wir hier nicht ständig unsere Gefühle, um scheinbar die Kontrolle zu behalten?


Hickel nennt diese Notlösungen „Fix“, und ein Fix zielt nicht darauf ab, das eigentliche Problem zu lösen und die Sucht nach Wachstum zu beenden, sondern er dient dazu dem Süchtigen seinen Stoff zu besorgen, alias dem Kapitalismus seine nötigen Prozente Wachstum. Wenn wir uns die Definition von Co-Abhängigkeit anschauen, sehen wir nach so vielen Jahren vermutlich gar keine Handlungsalternativen mehr.


Windigo-Werte


Robin Wall Kimmerer beschreibt den Kapitalismus in ihrem Buch „Braiding Sweetgras“ mit der Geschichte vom „Windigo“. Windigo ist ein Monster in der Legende der Anishinaabe, das wider die Gesetze der Natur nur auf das Stillen seines eigenen unbändigen Hungers bedacht ist. Der Mythos soll die Menschen daran erinnern, nicht diesem egoistischen Verlangen und der Gier in sich nachzugeben. Doch Kimmerer sieht den Windigo nicht mehr nur in einzelnen Individuen lauern, wo er kontrolliert werden könnte. Er bestimmt inziwschen viel mehr unser gesamtes Weltbild.


The fear for me is far greater than just acknowledging the Windigo within. The fear for me is that the world has been turned inside out, the dark side made to seem light. Indulgent self-interests that our people once held to be monstrous is now celebrated as success. […] It’s as if we are invited to a feast, but the table is laid with food that nourishes only emptiness, the black hole of the stomach that never fills. We have unleashed a monster.[10]

Die Angst, die ich empfinde, geht weit über das bloße Anerkennen des Windigo in mir hinaus. Die Angst, die ich empfinde, ist, dass die Welt auf den Kopf gestellt wurde, dass die dunkle Seite als Licht dargestellt wird. Selbstsüchtige Eigeninteressen, die unser Volk einst als monströs empfand, werden heute als Erfolg gefeiert. […] Es ist, als wären wir zu einem Festmahl eingeladen, doch der Tisch ist mit Speisen gedeckt, die nur die Leere nähren, das schwarze Loch im Magen, das sich niemals füllt. Wir haben ein Monster entfesselt. (Übersetzt mit DeepL)


Und statt das Monster mit aller Kraft, die wir haben zu jagen und zurück in seinen Käfig zu sperren, rechtfertigen wir seine unstillbare Sucht nach mehr nicht nur mit unserem co-abhängigen Verhalten, wir unterstützen sie sogar. Denn ich glaube, es ist nicht allein der Windigo, der das Weltbild verdreht hat. Einem Suchtkranken ist das irgendwann egal, was andere von ihm denken. Seine Angehörigen versuchen oft noch viel länger das Ansehen aufrechtzuerhalten und verdrehen nicht selten ihre eigenen Werte, um die Situation vor anderen und sich selbst zu beschönigen. Das sind schon extreme Abwehrmechanismen und ein starker Verlust von Realität, die ich in diesem Verhalten sehe. Kimmerer unterstreicht eine ähnliche Wahrnehmung mit einem Zitat von Lawrence Summers, einem führenden US Amerikanischen Ökonomen: "There are no limits to the carrying of the earth that are likely to bind at any time in the foreseeable future. The idea that we should put limits on growth because of some natural limit is a profound error." / "Es gibt keine Grenzen für die Ausbeutung der Erde, die in absehbarer Zukunft jemals eine Rolle spielen könnten. Die Vorstellung, wir müssten das Wachstum aufgrund natürlicher Grenzen einschränken, ist ein schwerwiegender Irrtum." (Übersetzt mit DeepL) Kimmerer nennt solche Aussagen “Windigo Thinking”[11].


Rückzug aus gesunden Beziehungen


Ein weiteres wichtiges co-abhängiges Verhalten neben den „Fixes“ und dem Verdrehen der Werte ist auch der Rückzug aus anderen Beziehungen. Zum einen sicherlich, weil die Beziehung zum Süchtigen so viel Kraft in Anspruch nimmt, aber auch weil jede weitere Beziehung Risiken mit sich bringen, die das fragile Konstrukt rund um die Sucht zum Einsturz bringen könnten. Co-Abhängige Personen ziehen sich aus dem sozialen Leben und aus Freundschaften oft zurück, weil sonst jemand die mühsam aufrechterhaltene Fassade durchschauen könnte. Sie stecken all ihre Kraft und Zeit in die Aufrechterhaltung eines Systems, das sie auslaugt und ihnen jede Möglichkeit auf persönliches Glück nimmt. Der drohende Zusammenbruch erscheint ihnen immer schlimmer als die Opfer, die sie täglich über viele Jahre erbringen. Mir erscheint das sehr ähnlich, wie das Hamsterrad, in das uns der Kapitalismus hineinzwingt.


Besonders spannend finde ich den Gedanken, dass wir selbst uns aus anderen Beziehungen zurückgezogen haben könnten zu Gunsten unserer Beziehung mit dem Kapitalismus. Ich denke jetzt besonders an die Beziehung zur Natur. Ist es nicht eine sinnvolle Überlebensstrategie, sich emotional von der Natur zu trennen, wenn der Kapitalismus, mit dem wir eine so verhängnisvolle Beziehung eingegangen sind, sie mit wachsendem Tempo zerstört? Ist es dann nicht eine nötige emotionale Schutzmaßnahme sich von der Natur zu distanzieren, weil uns der Schmerz über ihre Zerstörung sonst in nicht enden wollende innere Konflikte stürzt?


Selbstschutz hat eine enorme Kraft und seltsamerweise wird dieser Selbstschutz in co-abhängigen Beziehungen auch auf die suchtkranke Person ausgedehnt und kann dann sogar komplett externalisiert werden. Die Idee scheint dann zu sein, sich selbst am besten zu schützen, indem man die suchtkranke Person schützt, wie es z.B. Melody Beattie in ihren Selbsthilfebüchern beschreibt[12]. Versuchen wir uns selbst zu schützen, in dem wir den Kapitalismus schützen, obwohl wir genau sehen, was er anrichtet?


Wenn mein Gedankenmodell hier tragfähig wäre - und ich weiß noch nicht, ob es das ist – dann könnte ein ganz entscheidender Unterschied für die jungen Generationen sein, dass sie die Umweltzerstörung wahrgenommen haben, bevor sie vollständig in eine co-abhängige Beziehung zum Kapitalismus hineingeraten sind.


Der Generationenkonflikt, den Frankopan auch anspricht, zeigt sich mir hier auch in einem neuen Licht. Während die älteren Generationen schon zu tief in der Co-Abhängigkeit verstrickt sind und den Kapitalismus schützen und verteidigen wie ihr eigenes Leben, haben die jungen Menschen scheinbar noch ihre Beziehung zur Natur und möchten diese vor der Zerstörung bewahren. Außerhalb der Co-Abhängigkeit sehen sie die Ursache der Klima- und Umweltzerstörung noch klarer und stehen zutiefst irritiert den „Erwachsenen“ gegenüber, die aus ihrer verzerrten Sicht, nicht die Umwelt, sondern den Kapitalismus schützen.


Gleichzeitig fühlen sie den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Druck mit in das zerstörerische System einsteigen zu müssen, aus dem bisher kaum jemand wieder heil ausgestiegen ist. Ich frage mich, ob den jungen Menschen klar ist, vor welche Entscheidung sie an diesem Punkt in ihrem Leben gestellt sind und welche emotionale Stärke sie aufbringen müssen, um dem Kapitalismus nicht in die Falle zu gehen.


Da ist der Windigo-Weg, der das Ende der Welt in greifbare Nähe rückt und der alternative Weg, von dem bei uns niemand mehr weiß, wohin er führt und wie man ihn geht. Ich glaube, daher kommt die Hoffnung auf indigene Vorbilder. Wir schauen intuitiv in Richtung der Menschen, die nicht von der Gier des Windigo infiziert sind.


Indigene Weltsicht: Der Windigo


Wir haben uns im Seminar einige indigene Beispiele angeschaut, wie ein Zusammenleben die außerhalb des kapitalistischen Systems aussehen kann. Was wir dort gesehen haben, ist ein genügsames Leben in enger Verbundenheit von Mensch und Natur. Statt exponentielles Wachstum voranzutreiben, wird dort die Balance von Geben und Nehmen zwischen allen Lebewesen gewahrt. Im Sinne der Ausrichtung unseres Seminars waren wir auf Suche nach Möglichkeiten unsere verlorene Beziehung zur Natur wieder herzustellen.


Bleibe ich jedoch bei meiner Hypothese, dass wir in einer co-abhängigen Beziehung zum Kapitalismus leben, dann werden wir uns auf gesellschaftlicher Ebene weiterhin gegen eine Beziehung zur Natur wehren müssen, um nicht „durchzudrehen“, wie es der Zeit-Redakteur in der Seminarausschreibung so plakativ formulierte.


Gibt es Windigo-Medizin?


Ich mache mich also auf die Suche nach etwas anderem in den indigenen Kulturen. Wenn der Windigo eine indigene Diagnose ist, gibt es dann auch eine indigene Medizin für diese Krankheit? Und was schützt bis heute die verbliebenen indigenen Gemeinschaften vor dem Windigo-Denken? Antworten darauf könnten den jungen Generationen helfen, einen anderen Weg einzuschlagen als ihre Eltern und Großeltern vor ihnen.


Fleming schreibt in The Ojibwe Who Slew the Wiindigo, dass der Wiindigo für ihr Volk der Kolonialismus ist, und sie nennt seine psychischen Folgen:


Colonization and historical trauma travel together. That trauma is passed down from generation to generation and exhibits itself in the behaviors, both psychological and physiological, of our people today. These aftereffects of historical trauma are called historical loss symptoms. Depression, anger, suicide, dysfunctional parenting, alcohol and drug abuse, unemployment, and diabetes are examples of these loss symptoms. [13]

Kolonialisierung und historisches Trauma gehen Hand in Hand. Dieses Trauma wird von Generation zu Generation weitergegeben und zeigt sich im heutigen Verhalten – sowohl im psychologischen als auch im physiologischen – unseres Volkes. Diese Nachwirkungen des historischen Traumas werden als Symptome des historischen Verlusts bezeichnet. Depressionen, Wut, Suizid, dysfunktionale Erziehung, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Arbeitslosigkeit und Diabetes sind Beispiele für diese Verlustsymptome. (Übersetzt mit DeepL)


Gefühlt überschreite ich hier eine Grenze, von der ich unsicher bin, ob ich sie als weiße Europäerin überschreiten darf, aber die Frage drängt sich mir so sehr auf: Leiden wir nicht alle an derselben Krankheit? Haben wir nicht alle verloren, was uns als Menschen eigentlich ausmacht? Haben wir nicht alle die Erfüllung unsere psychologischen Grundbedürfnisse an den Windigo verloren?


Hickel datiert den Beginn des Kapitalismus über die Enclosure Bewegung in England und die deutschen Bauernkriege[14], die zeitlich sehr nah an der „Entdeckung“ Amerikas durch Christopher Kolumbus und damit am Beginn der Kolonialisierung liegen. Auch in Europa wurde zu dieser Zeit den Bauern ihr Land genommen, das für sie Lebensgrundlage war. Ist das die Zeit, in der sich die Menschen mit dem Windigo-Virus infiziert haben und ihn fast in die gesamte Welt getragen haben? Und sind wir nicht alle seine Opfer?


Der indigene Autor Basil Johnston wird auf Active History[15] mit den Worten zitiert „Johnston claims that Wendigo has been ‘reincarnated as corporations, conglomerates, and multinationals,’[16] positing Wendigo as a figure of colonial and capitalist consumption that causes relational breakdown.[17]” / "Johnston behauptet, der Wendigo sei „als Unternehmen, Konzerne und multinationale Konzerne wiederauferstanden“, und stellt den Wendigo als Symbol für kolonialen und kapitalistischen Konsum dar, der zum Zusammenbruch zwischenmenschlicher Beziehungen führt" (Übersetzt mit DeepL)


Hier werden Kapitalismus und Kolonialismus als Windigo-Reincarnation benannt, aber dürfen wir die europäische Bevölkerung heute auch zu seinen Opfern zählen oder sind wir nach wie vor auf der Seite der weißen Kolonialherren angesiedelt und müssen deshalb andere Erklärungen für die psychischen Probleme unserer Jugend suchen? Sitzen wir nicht inzwischen im selben Boot? Die wenigen „Gewinner“ des Windigo-Thinking erkennt man meiner Ansicht nach nicht an ihrer Hautfarbe oder ihrer Nationalität, sondern an ihrem Kontostand.


Ich war auf der Suche nach einer Medizin in der mythologischen Welt des Windigo, dennoch las ich mehr und mehr verstörende und schmerzhafte Artikel über die Zerstörung, die er bringt und ich will nicht hinter akademischen Worten verbergen, dass mich „Wendigocene: A Story of Hunger“[18] wirklich zum Weinen gebracht hat. Ich hoffe, solche Artikel berühren viele Menschen so intensiv, damit wir nicht länger unsere Augen verschließen.


Sowohl bei Walker als auch bei LaDuke und Cowen las ich aber zu meiner Freude auch, dass wir uns weniger Windigo-Geschichten erzählen sollen, sondern die Geschichten, die davon handeln, was wir tun können:


Tell the ones about that strong young nishnaabekwe who wasn’t afraid of those wiindigo. who was smart and strategic. who was patient, so, so patient. waiting until just the right time. waiting, watching. tell those ones, so those young ones will know what to do. teach those ones. make it so they’ll want to listen. make it so they’ll pay attention.[19]

Erzählt ihnen von jenem starken jungen Nishnaabekwe, der keine Angst vor den Wiindigo hatte. Der klug und taktisch war. Der geduldig war, so unglaublich geduldig. Der auf den richtigen Moment wartete. Der wartete und beobachtete. Erzählt es ihnen, damit die Jungen wissen, was zu tun ist. Lehrt sie. Sorgt dafür, dass sie zuhören wollen. Sorgt dafür, dass sie aufmerksam sind. (Übersetzt mit DeepL)


Wie man den Windigo besiegt


Fleming erzählt eine solche Geschichte in „The Ojibwe Who Slew the Wiindigo“[20]. Darin fordern immer wieder Menschen Windigos zu Wettrennen heraus, doch niemand schafft es ihn zu besiegen. Kinder werden darin trainiert, gegen den Windigo anzutreten, doch auch sie verlieren und sterben. Am Ende gibt es einen Mann, der träumte, dass er den Windigo besiegen könnte, und er schaffte es tatsächlich. Fleming erklärt, dass die Kinder nicht mehr wussten, wer sie sind und deshalb nicht gewinnen konnten. Erst als der Mann, der geträumt hatte, den Windigo besiegt, gab er den Kindern ihre Namen zurück und damit wohl auch ihre Identität. Das scheint mir die Botschaft dieser Geschichte zu sein. Der Windigo gewinnt spielend gegen alle, die ihre wahre Identität nicht kennen, die keine Wurzeln mehr haben. Erst wenn wir uns erinnern – und das scheint im Traum möglich zu sein – haben wir die Kraft den Windigo zu besiegen.


Basil Johnston erzählt in seinem Buch „Und Manitu erschuf die Welt“ ebenfalls von einem Sieg über den Windigo[21]. Hier erhält der Held, Megis, auch in einem Traum von seinem „Schutzherr und Lehrer“, einem Bären, die Information, „wie er stark genug werden konnte, um den Windigo herauszufordern.“ Als er die Medizin genauso herstellte, verlieh sie ihm die nötigen Kräfte und er besiegte den Windigo. Wieder spielen die Träume eine wichtige Rolle und ich vermute auch die Identität. Der Bär ist ein Totem der Ojibwa und vielleicht gehörte Megis dem Bären-Clan an, wenn er dem Bären im Traum begegnet. Demnach schöpfte er die Medizin möglicherweise auch aus seiner Zugehörigkeit und Identität.


Simpson stellt Gezhizhwazh[22] in den Mittelpunkt ihrer Erzählung, wie der Windigo besiegt werden kann. Es ist ein anderer, ein weiblicher Ansatz. Gezhizhwazh ist eine Frau, die nicht den Kampf sucht, sondern die versucht mit Liebe die Leere in den Menschen zu füllen, damit sie nicht dem Ruf des Windigo verfallen. Wenn ich es richtig verstanden habe, versucht sie sogar den Windigo zu lieben. Ich habe aber die ursprüngliche Geschichte leider nicht gefunden und kann mich hier nur auf Zusammenfassungen beziehen.


Der Verlauf der Windigo-Erkrankung


Ein Aspekt, den ich zur Windigo-Erkrankung und einer möglichen Heilung noch gefunden habe, ist die Einteilung in drei Stadien[23]. Das erste Stadium ist Hunger. Die betroffene Person leidet unter Mangel. Das zweite Stadium ist Kinlessness, in dem die sozialen Bindungen verloren gehen. Und ich gehe stark davon aus, dass es hier nicht nur um menschliche Verwandtschaft geht, sondern ähnlich wie bei den Canela[24] auch Pflanzen und Tiere als „Kin“, also Verwandtschaft, betrachtet werden. Es geht also auch um den Verlust der sozialen Bindungen zur Natur.


Das dritte und letzte Stadium betitelt Walker als Eating the Life of Another. Hier verlässt die Person die Menschlichkeit in dem die letzten moralischen Werte über Bord gehen. In den alten Mythen bedeutet das Kannibalismus, wobei die Definition davon auch e nach Kultur unterschiedlich sein kann. Bei den Canela war zum Beispiel schon der Verzehr von Pflanzensprößlingen ein Fall von Kannibalismus, so eng betrachteten sie das Verwandtschaftsverhältnis mit den Pflanzen in ihrem Garten.[25] Mit dem Blick heutiger indigener Autoren bedeutet es auch, die Erde derart auszuschlachten, dass sie sich nicht regenerieren kann.


Mit diesem Krankheitsverlauf, auf den ich auch an anderer Stelle gestoßen bin, zeigen sich zumindest für die ersten beiden Stadien auch Interventionsmöglichkeiten. Hunger kann gestillt werden, bevor er überhandnimmt. Wenn das nicht möglich ist, dann gilt es die Person in ihrem Mangel in der Familie oder Gemeinschaft aufzufangen. Im dritten Stadium gilt die Windigo-Psychose als unheilbar, wenn das Tabu, das eigene Leben über das eines anderen zu stellen, gebrochen ist. Dann geht es nur noch um den Schutz der Gemeinschaft vor dem Windigo indem man ihn tötet.


Was bedeutet das für unsere kapitalistische Gesellschaft? Wo dürfen wir den Hunger stillen, wo helfen soziale Strukturen und was müssen wir „töten“, damit ein Leben ohne den zerstörerischen Geist des Windigo wieder möglich wird?


Auch Kimmer schließt ihr Buch mit dem Kapitel „Defeating Windigo“ und widmet sich der Frage, was wir tun können. Sie beschreibt den Windigo als Geschöpf des Winters, der Zeit des Mangels und findet in einem Mythos den Hinweis, dass der Windigo im Sommer besiegt werden kann, in der Zeit der Fülle.


Here is the arrow that weakens the monster of overconsumption, a medicine that heals the sickness: its name is plenty.[26] Hier ist der Pfeil, der das Ungeheuer des übermäßigen Konsums schwächt, ein Heilmittel, das die Krankheit heilt: Sein Name ist Fülle. (Übersetzt mit DeepL)


Sie sagt, in einer „windigo economy“, besteht der Mangel nicht darin, dass nicht genug Ressourcen da sind, sondern darin, dass sie nicht im Umlauf sind. Vor allen anderen Veränderungen brauchen wir einen Sinneswandel schreibt Kimmerer und schenkt mir mit diesem Satz gefühlt die Erlaubnis mich auch als weiße Europäerin mit im selben Boot fühlen zu dürfen:


Each of us comes from people who were once indigenous. We can reclaim our membership in the cultures of gratitude that formed our old relationships with the living earth.[27]

Jeder von uns stammt von Menschen ab, die einst Ureinwohner waren. Wir können unsere Zugehörigkeit zu den Kulturen der Dankbarkeit wiederentdecken, die unsere früheren Beziehungen zur lebendigen Erde geprägt haben. (Übersetzt mit DeepL)


Für mich ist das wirklich ein ganz entscheidender Punkt, wenn ich davon ausgehe, dass sie mit „us“ all ihre Leser und auch mich anspricht. Denn wenn Zugehörigkeit und Identität wichtige Faktoren sind, um den Windigo zu besiegen, dann brauche ich die genauso wie alle anderen auch. Und ich brauche eine andere als die Windigo-Zugehörigkeit, die für mich als weiße Europäerin immer als erstes zu gelten scheint. Wenn ich mich als Frau indigener Abstammung in Europa betrachten darf, kann ich mich gefühlt erst außerhalb des Kapitalismus positionieren.


Was wirkt also gegen den Windogo?


Was wird also als Medizin bis hier her sichtbar?

Wie können wir dem modernen Windigo begegnen? Was immer wieder benannt wird sind Zugehörigkeit und Identität, die mit entsprechenden Werten ausgestattet sind. Es braucht aber auch eine reale Gemeinschaft, nicht nur eine gefühlte Zugehörigkeit, die Halt gibt in Zeiten von äußerem Mangel. Wir brauchen intakte Beziehungen nicht nur zwischen Menschen, sondern auch mit anderen Lebewesen. Diese Beziehungen basieren auf gegenseitigem Respekt, auf einer ausgeglichenen Reziprozität und wie Kimmerer immer wieder betont auf Dankbarkeit.


Um uns dem Windigo im letzten Stadium entgegenzustellen, bedarf es zusätzlich auch kriegerischer Attribute wie Mut, Strategie, Geduld und Timing. Zuletzt bedarf es scheinbar auch der unerbittlichen Klarheit, dass es ein Kampf und Leben und Tod ist. Wer das Überleben der Gemeinschaft schützen will, muss bereit sein, den Windigo zu töten.


Das Narrativ der Unveränderbarkeit


“why you telling wiindigo stories all the time?”

“maybe because they’re about greed and evil and imbalance, and we’re all living surrounded by that.”

“well then why you want to be surrounded by more of that?”[28]

„Warum erzählst du ständig Geschichten über den Wiindigo?“

„Vielleicht, weil es darin um Gier, das Böse und Ungleichgewicht geht – und wir alle davon umgeben leben.“

„Na, und warum willst du dann noch mehr davon um dich haben?“

(Übersetzt mit DeepL)


Nach all dem, was wir gelesen und diskutiert haben, scheint das Bewusstsein über die Katastrophe, auf die wir mit Hochgeschwindigkeit zusteuern, uns als Gesellschaft nicht dazu zu bewegen, die Notbremse zu ziehen und unser Verhalten zu verändern. Und wir müssen drastisch etwas ändern, wie auch die Wissenschaftler des Club of Rome in ihren Earth4All-Szenarien beschreiben, indem sie die Wirkung verschieden starker Interventionen simuliert haben.[29]


Wir kommen nicht ins Handeln, obwohl wir den Abgrund vor uns sehen, aber vielleicht ist das genau das Problem. Co-Abhängige Menschen haben ihren Fokus nur auf dem Süchtigen und nach und nach vergessen sie, dass es auch noch etwas anderes gibt im Leben. Sie werden absolute Profis im Umgang mit dem Süchtigen und darin ihn zu „managen“ und die Brände zu löschen, die er verursacht. Dafür bringen sie unglaublich viel Energie auf, aber nichts davon hilft dem Suchtkranken dabei gesund zu werden. Überhaupt ist gesund werden gefühlt ausgeschlossen. Ein Alkoholiker kann doch höchstens trocken werden, aber gesund scheint unmöglich. Hier wäre wirklich auch nochmal unser Verständnis von krank und gesund zu hinterfragen.


Genauso scheint im kapitalistischen Wirtschaftssystem ausgeschlossen, dass wir uns davon lösen können, dass man anders wirtschaften kann, obwohl wir es Jahrtausendelang ja getan haben und in anderen Teilen der Welt noch immer tun. Wir können den Kapitalismus höchsten zähmen, durch Gesetzgebung zügeln. Oder?


Und vielleicht ist es genau das, was so furchtbar demotivierend wirkt: das Gefühl, dass es keine echten Alternativen, keine echte Heilung gibt. Warum sich der Hoffnung hingeben und Energie in einen Traum investieren, der unerreichbar ist? Warum sich in eine Natur (neu) verlieben, für ihre Erhaltung kämpfen, wenn ihr Untergang unvermeidlich ist? Natürlich führt das zu Depressionen und Handlungsunfähigkeit.


Kimmerer schreibt schon auf den ersten Seiten von Braiding Sweetgras von einer Umfrage unter ihren General Ecology StudentInnen im dritten Jahr ihres Studiums. Auf Fragen, wie der Mensch heute der Umwelt schadet gab es vielfältige und detaillierte Antworten. Doch auf die Frage, welche positiven Interaktionen zwischen Mensch und Natur ihnen bekannt sind, gab es im Durchschnitt genau eine Antwort: keine.


I realized that they could not even imagine what beneficial relations between their species and others might look like. How can we begin to move toward ecological and cultural sustainability if we cannot even imagine what the path feels like?[30]

Mir wurde klar, dass sie sich nicht einmal vorstellen konnten, wie eine positive Beziehung zwischen ihrer Spezies und anderen aussehen könnte. Wie sollen wir uns auf den Weg zu ökologischer und kultureller Nachhaltigkeit machen, wenn wir uns nicht einmal vorstellen können, wie dieser Weg sich anfühlt? (Übersetzt mit DeepL)


Auch Hickel schreibt, dass wir die Probleme genau erforscht haben und das Wissen darüber bekannt ist.[31] Aber was wissen wir (noch) über ein Leben in gegenseitigem Respekt und Dankbarkeit mit allen Lebenswesen auf der Erde und mit der Erde selbst? Was wissen wir (noch) darüber, wie Wohlstand für alle aus nachhaltigem Wirtschaften entstehen kann?


Das einleitende Zitat dieses Kapitels könnte einen wichtigen Hinweis für uns enthalten. Warum mehr Windigo-Geschichten erzählen, uns seine Schrecken immer wieder vor Augen halten, wenn sie doch ohnehin unseren Alltag bestimmen?


Wir brauchen neue Geschichten


Was wir brauchen, sind Geschichten über alternativen Lebensweisen, von denen wir im Seminar so viele Beispiele aus indigenen Kontexten gehört haben. Was wir brauchen, sind Geschichten darüber wie auch hier, mitten in der „Windigoscene“[32] alternative Lebens- und Wirtschaftsweisen funktionieren können. Die Windigo-Medizin gibt uns klare Hinweise, wo wir ansetzen dürfen. Wir brauchen Gemeinschaft statt Einzelkämpfer. Wir brauchen Halt in Zeiten der Not. Wir brauchen die Fülle von Mutter Natur statt dem künstlichen Mangelgefühl des Kapitalismus. Wir brauchen das Gefühl, dazuzugehören und als Menschen eine wertvolle Rolle im Gesamtorganismus Erde zu haben. Wir brauchen ein Weltbild, dass uns wieder inkludiert in die Natur und uns damit eine klare Identität schenkt. All das können wir uns selbst geben!


Die Ansätze dafür sind schon so vielfältig vorhanden. Solidarische Landwirtschaften bringen Produzenten und Verbraucher regional wieder als Partner zusammen, Gemeinschaftswohnprojekte ermöglichen familienübergreifende Unterstützung und eröffnen neue Gestaltungsräume, Waldkindergärten bringen Kinder in eine enge Beziehung zur Natur... Viele solcher Konzepte werden schon ganz praktisch gelebt und vermitteln genau diese Werte, die unseren Geist stark macht gegen den Windigo. Was wir brauchen, sind mehr Menschen, die diese Botschaften in die Welt tragen und bekannt machen.


Was wenn gerade wir in der Ethnologie hier einen ganz wesentlichen Teil beitragen können? Vielleicht können wir mit unserer Forschung Gemeinschaftswohnprojekte vom Stempel 60er-Jahre-Kommunen befreien und Genossenschaften vom Schatten des Kommunismus. Kimmerer schreibt, dass wir vor allem anderen einen Sinneswandel brauchen.[33] Und da geht es vielleicht noch gar nicht darum, die Welt zu verändern, sondern allein darum mehrheitlich daran zu glauben, dass es eine andere Welt, ein anderes Wirtschaften und Leben für uns geben kann.


Einer meiner Ausbilder sagte immer, Menschen verändern sich nur durch große Schmerzen oder große Ziele. Die Schmerzen sind da, aber gefühlt ist die Alternative dazu nur ein anderer Schmerz. Statt dem Schmerz der Umweltzerstörung erhielten wir dann den Schmerz von Armut und des gesellschaftlichen Rückschritts. Wir sehen nicht, dass Umweltzerstörung und Armut zusammengehören und wir uns mit derselben Medizin von beiden Symptomen des Windigo heilen könnten. Und wir sehen nicht, wie ein alternatives Leben aussehen kann, wir können es uns nicht vorstellen. Damit sind beide große Veränderungsmotivatoren lahmgelegt.


Kimmerer ging sogar noch einen Schritt weiter und schrieb, wir können nicht fühlen, wie ein nachhaltiger Weg sein könnte. Hier sehe ich einen weiteren wichtigen Punkt. Wir dürfen Erfahrungen machen, statt zu überlegen, was alternativen sein könnten. Unser Verstand ist so schnell darin den Status Quo zu verteidigen. So lange wir denken, wie wir anders leben könnten und was die nächsten Schritte wären ist das „Ja, aber“ fast schon automatisch inkludiert. Wenn wir aber körperlich mit unseren Sinnen alternativen sehen, anfassen, ausprobieren können, dann ist unsere Körperresonanz stärker als unser Verstand. Dann fühlen wir, dass es echt ist. Dann glauben wir, dass es möglich ist. Andere – mutige Pioniere – sind schon vorausgegangen und leben anders. Mitten unter uns. Das bekannter zu machen und die funktionierenden Konzepte von den Abwertungen des kapitalistischen Systems zu befreien, könnte den Sinneswandel unterstützen, der für beherztes Handeln noch fehlt.


Veränderung beginnt also dort, wo wir erkennen, dass sie möglich ist! Vielleicht ist das der erste Schritt, den wir gemeinsam gehen müssen.


 [1] Ogunbode et al. 2025

[2] Frankopan 2023

[3] Hickel, 2022

[4] Hickel, 2022:30f

[5] Rosa 2016

[6] Rosa 2016

[7] Hornig 2023:35 ff

[8] Rennert 1990, S. 194

[9] Hickel, 2022:120

[10] Kimmerer 2013:308

[11] ebd

[12] Beattie 1993

[13] Fleming 2017

[14] Hickel 2023

[15]Makahnouk2026

[16] Johnston 1995:235

[17] LaDuke und Cowen 2020

[18] Walker 2023

[19] Simpson 2016

[20] Fleming 2017:51

[21] Johnston 1992: 211

[22] Simpson 2016

[23] Walker 2023

[24] Miller 2019

[25] Miller 2019: 90-145

[26] Kimmerer 2013:376

[27] Kimmerer 2013:377

[28] Simpson 2016

[29] Dixson-Declève 2022

[30] Kimmer 2013: 6

[31] Hickel 2023

[32] Walker 2023

[33] Kimmerer 2013


Literatur

Beattie, Melody. Die Kraft Zu Neuem Leben. München: Heyne, 1993.

Dixson-Declève, Sandrine, Owen Gaffney, Jayati Ghosh, Jørgen Randers, Johan Rockström, Per Espen Stoknes, Rita Seuß, und Barbara Steckhan. Earth for All: Ein Survivalguide Für Unseren Planeten : Der Neue Bericht an Den Club of Rome, 50 Jahre Nach »Die Grenzen Des Wachstums«. München: oekom, 2022.

Fleming, B. E. (2017). The Ojibwe Who Slew the Wiindigo. Tribal College Journal, 28(3), 51.

Frankopan, Peter. Zwischen Erde und Himmel. Klima – eine Menschheitsgeschichte. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2023

Hickel, Jason, Maja Göpel, und Eva Leipprand. Weniger Ist Mehr: Warum Der Kapitalismus Den Planeten Zerstört Und Wir Ohne Wachstum Glücklicher Sind. Deutsche Erstausgabe. München: oekom, 2023.

Hornig, Larissa. Angehörigenarbeit im Rahmen der Suchthilfe. Nomos, Baden-Baden. 2023.

Johnston, Basil. Und Manitu erschuf die Welt – Mythen und Visionen der Ojibwa 4. Auflage München: Diederichs 1992: 211

Johnston, Basil. The Manitous : the Spiritual World of the Ojibway. New York :HarperCollins Publishers, 1995

Kimmerer, Robin Wall. Braiding Sweetgrass. Minneapolis, Minnesota: Milkweed Editions, 2013

LaDuke, Winona and David Cowen, Beyond Wiindigo Infrastructure, South Atlantic Quarterly 119, no. 2 (2020)

Makahnouk, Jenni. The Indian Act as Wendigo. February 27, 2026.  https://activehistory.ca/blog/2026/02/27/the-indian-act-as-wendigo/?utm_source=chatgpt.com#_edn8

Miller, Theresa L. Plant Kin: A Multispecies Ethnography in Indigenous Brazil. First edition. Austin: University of Texas Press, 2019

Ogunbode, Charles A., Lois Player, Su Lu, Miriam Sang-Ah Park, Rouven Doran. Climate Anxiety in Perspective: A Look at Dominant Stressors in Youth Mental Health and Sleep. 2025

Rennert, Monika. Co-Abhängigkeit: Was Sucht Für Die Familie Bedeutet. 2., unveränd. Aufl. Freiburg i. Br: Lambertus-Verl, 1990.

Rosa, Hartmut. Resonanz: Eine Soziologie Der Weltbeziehung. Erste Auflage. Berlin: Suhrkamp, 2016.

Simpson, Leanne Betasamosake. 2016. gezhizhwazh. Fantasy Magazine, no. 60. www.fantasy-magazine.com/new/new-fiction/gezhizhwazh/

Walker, Jonelle. Wendigocene: A Story of Hunger. Turtle Island Journal of Indigenous Health Volume 1, Issue 3, 2023



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